Es gibt Fragen, unvermutet gestellt, im Vorübergehen, zwischen Tür und Angel, die bleiben in deinem Gehirnwindungen hängen. Kürzlich ist mir so eine Frage gestellt worden. Es geht um mich und meine Art, meinen Pensionsantritt zu kommunizieren.
„Warum redest du eigentlich schon so lange von deiner anstehenden Pension?“ fragte kürzlich eine Bekannte und es klang fast ein wenig vorwurfsvoll, so als würde ich meinem Pensionsantritt eine Wichtigkeit beimessen, die ihm nicht zusteht, als würde ich meinem Pensionsantritt zu viel Raum geben, als würde ich übertreiben oder unsinnig viel Zeit verschwenden an dieses Ereignis. Oder meinte die Fragende, ich sollte leise und unaufgeregt in Pension gehen und nicht so viel Wirbel darum machen? Die Frage hat mich jedenfalls irritiert. Was genau will sie mir sagen? Rede ich tatsächlich schon zu lange über die Pension? Gebe ich meinem Pensionsantritt tatsächlich zu viel Gewicht. Übertreibe ich?
Weil, es stimmt schon, ich rede da schon länger drüber…… Ja! Ich kann euch auch erklären, warum!
Ich finde tatsächlich, dass der Pensionseintritt enormes Gewicht im Leben hat. Zumindest ein viel größeres Gewicht, als die meisten Menschen ihm beimessen. Der Wechsel von der Vollzeit-Berufstätigen zur Pensionistin wird in unserer Gesellschaft seltsam klein geredet. Auf der einen Seite gilt der Pensionseintritt als Tor zur großen Freiheit, wird bejubelt und von manchen Menschen monatelang, wenn nicht sogar jahrelang, herbeigesehnt. Auf der anderen Seite aber werden alle Veränderungen, die er mit sich bringt, verleugnet, weggeschoben und ignoriert, so als würde das Leben einfach ganz normal weitergehen, nur halt ohne Arbeit. Tja, und genau das sehe ich anders. Nach 40 Jahren Erwerbsarbeit und Hamsterrad, vor allem, wenn man seine Arbeit liebt, ist der Eintritt in die Pension – auch wenn man sich drauf freut – kein Spaziergang.
Der Übergang in die Pension gilt aus Sicht der Alternswissenschaft als kritisches Lebensereignis. Damit ist gemeint, dass der Renteneintritt das Leben nachhaltig verändert und der betroffene Mensch Anpassungsleistungen erbringen muss, um gut in diesem neuen Leben anzukommen. Die Neo-Pensionstin muss vieles in ihrem Leben neu definieren. Identität, Rollen, Zeitstruktur, Aufgaben, Finanzen, Partnerschaft, Teilhabe am technischen Fortschritt – all das sind Themen, die sich im Leben einer Rentnerin verändern und die, teilweise schon im Vorfeld, betrachtet werden sollten, will man weiterhin ein aktives Mitglied dieser Gesellschaft bleiben und nicht gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden. Aber klar, man kann den Renteneintritt auch einfach auf sich zukommen lassen, so nach dem Motto: „Wird schon irgendwie gut gehen!“ Das ist aber ganz und gar nicht meine Art, zumal ich als Alternswissenschaftlerin viel über das Thema weiß, jedenfalls mehr als die meisten anderen Neo-Rentner. Immerhin halte ich bereits seit 2010 Seminare zu diesem Thema. Klar, dass ich mit meinem Übergang bewusst umgehen will.
Der Pensionseintritt ist eine Art Übergang, eine Transition von einer Lebensphase in die andere. Er dauert einige Zeit, rund 2-4 Jahre. So gesehen, ja, ich rede schon länger drüber und werde das auch weiterhin tun. Nicht weil ich meine Arbeit leid wäre (oh no, ich liebe meine Arbeit!) und die Pension deshalb sehnsuchtsvoll herbeisehnen würde, sondern weil ich meine Community an diesem langen Prozess, an meinem Weg in die Pension, teilhaben lassen möchte. Vielleicht helfe ich damit jemandem, der ein mulmiges Gefühl vor der Pension hat? Vielleicht fühlt sich jemand inspiriert?! Weil: Es schaffen zwar 80% der Menschen den Pensionsübergang gut, aber immerhin 20% hadern und stolpern dabei. In Pension zu gehen, ist für manche Menschen durchaus eine Herausforderung. Viele merken das erst nach 2-3 Jahren. Etwa wenn sie nach zwei geschäftigen Jahren voller Reisen wieder zu Hause landen, in einem normalen Alltag und plötzlich setzt die große Leere ein. Ich will das für mich nicht! Ich will meinen Übergang gut und bewusst gestalten. Und ich will meine letzte große Lebensphase gut nützen, etwas draus machen, für mich!
Ich habe mir für meinen Pensionsantritt und meine neue Lebensphase jedenfalls viele Gedanken gemacht (und bin damit auch noch nicht fertig!) und mir einiges vorgenommen.
Ich will…
- …vorher jenen Teil meiner Arbeit, den ich wirklich mit Pensionseintritt beende (das Thema Altenpflege), gut abschließen. Aus meiner Arbeit weiß ich, dass ein guter Abschluss der Arbeit so ziemlich das Wichtigste ist, um gut in der Zukunft zu landen. Und da habe ich auch Glück, denn mein aktuelles und letztes Altenpflege-Projekt beschert mir gerade einen letzten beruflichen Höhepunkt und geht dann auch zeitgerecht zu Ende. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar!
- …für rund 6 Monate wirklich „runterfahren“ und schauen, was es mit mir macht, plötzlich viel Zeit zu haben. Dabei will ich nicht in eine große Reise oder in eine andere Geschäftigkeit flüchten, sondern wirklich runterfahren und mich mit mir selbst konfrontieren. Gestern ist mir dazu im Podcast Hotel Matze mit Jonathan Meese (einem der aktuell kontroversesten Künstler Deutschlands) ein Gedanke zugefallen. Meese meint darin, wir Menschen müssten uns viel mehr mit uns selbst konfrontieren, lernen uns selbst aushalten, lernen, mit uns selbst klarkommen. Das hat bei mir etwas zum Klingen gebracht. Von C.G. Jung gibt’s dazu die großartige Frage „Wer bist du, wenn niemand hinschaut?“ Spannend! Ich ohne Applaus, ohne Erwartungen, ohne Rollen, ohne Masken – mein wahres Ich! Dieser Frage und Selbstentdeckung nachzugehen, interessiert mich sehr.
- …mich ein klein wenig neu erfinden, eine andere Seite von mir leben. Das halte ich für eine der großen Chancen der Lebensphase Pension. Man kann ohne Existenzangst in sich hineinhören und sich fragen: „Wer bin ich eigentlich noch, außer die Person, die ich bis jetzt war?“ oder „Was in mir will noch Raum bekommen, gelebt werden?“ Lange dachte ich, ich arbeite in der Pension in meinem vertrauten Arbeitsfeld einfach reduziert weiter, da fühle ich mich wohl, da bin ich bekannt. Das wäre eine gmahte Wiesn gewesen, wie man in Österreich so schön sagt.. Aber irgendwann habe ich gemerkt, ich möchte etwas ganz Neues in mein Leben lassen. Ich will all meinen Mut in die Hand nehmen, Grenzen überwinden und mir eine neue Welt erobern! Darum habe ich eine DJ-Ausbildung begonnen und als DJ VintageVenus erste Schritte getan. Mehr dann nach und nach, step by step. Es wird sich ergeben, da bin ich mittlerweile sicher.
- …das Geschenk von viel Zeit annehmen und mit dieser kostbaren Zeit bewusst umgehen. Sie mit Lieblingsmenschen verbringen, für Aktivitäten verwenden, die mir guttun, meiner Seele wie meinem Körper. Ich will regelmäßig Sport machen, ich will aber auch jede Woche einem Menschen etwas Gutes tun, vielleicht einen Brief oder eine Karte schreiben, jemandem Zeit widmen, zuhören. Außerdem endlich mein Haus renovieren, alte Möbel zu neuem Leben erwecken, meinen Garten pflegen, kochen, backen, malen, schreiben…..soooo viel!
- ….in reduzierter Form weiterarbeiten. Ja, das will ich! Unbedingt! Aber nur noch weil ich will, nicht weil ich muss! Meine Existenz ist gesichert (danke österreichisches Pensionssystem!), ich muss gar nichts mehr! Ich DARF arbeiten. Das ergibt eine ganz neue Qualität. Ich möchte weiter meine YouTube-Videos drehen, Vorträge halten, 2-4 Seminare pro Jahr, eine Kolumne schreiben….mal sehen, was mir so einfällt. Ich habe noch so viel zu sagen und zu geben! Warum sollte ich damit aufhören? Weil ich in Pension bin?? Nie und nimmer! Außerdem: Mit meinem Thema Älterwerden werde ich ja mit jedem zusätzlichen Lebensjahr immer glaubhafter 😉 Wer kann das schon von sich behaupten!
Also: Ja, ich rede schon lange über meinen Weg in die Pension und ich werde auch weiterhin darüber reden und schreiben! Einfach, weil ich grad eine superspannende Zeit erlebe, den Übergang von einer Lebensphase in die andere! Und Ihr wollt doch sicher wissen, wie es weitergeht mit mir, oder? 😉




Monika Krampl says
ja – warum redest / schreibst du so viel über –
das schließen der praxis = pension
das älterwerden
deine LongCovid/ME-CFS – krankheit
höre ich ….
wie gut ich das kenne –
es muss doch einmal genug sein / einmal schluss sein
nein ist es nicht
weil all dieses so viel an lebensveränderung mit sich bringt –
so vieles in das man sich neu einrichten muss / sich selbst neu kennenlernen in einem anderen leben als bis jetzt
das erfordert schon aufmerksamkeit
ist nicht immer einfach
ist nicht immer lustig
auch schon mal beschwerlich
und erfordert zeit
zeit die ich mir nehme
„mich ein klein wenig neu erfinden, eine andere Seite von mir leben …“ schreibst du
ja – es erfordert seine zeit
zeit um sich neu zu orientieren und
neu kennen zu lernen ….